Eine Reise an einem Ort

Diese Reise begann im April 2011 und dauert noch an - kleine Schritte und doch am selben Ort - und hier lege ich ein kleines Reisetagebuch vor, in dem immer wieder Neues steht zum Verlauf der Reise - an einem Ort.

Samstag, 5. Januar 2013

Von der Landlust


Angeregt durch einen Artikel im Spiegel (Nr. 44, 29.10.2012, Seiten 80 - 88) unter der Rubrik Wirtschaft - Zeitgeist und dem Titel 'Flucht in die Idylle' und einem Gespräch mit einem guten Bekannten über das Thema 'Leben auf dem Lande' möchte ich, nach nun beinahe zwei Jahren auf dem Land lebend, ein paar Gedanken sammeln.
Die Zeitschriften Landliebe oder Landlust? liegen bei uns auch herum, mit im wesentlichen netten Bildern und ab und zu eingestreut auch ein paar nützlichen Hinweisen.
Kaum auf dem Land angekommen, einen Beutel voller unsortierter Kartoffeln (14 Sorten, ich wollte ja testen, was hier am besten wächst) in der einen und einen Spaten in der anderen Hand, ging es daran, die Kartoffeln wenigstens noch einmal so halbwegs zu sortieren und dann zu setzen. Und alles mögliche auszusäen. Also, so ziemlich alles, was die Samenauswahl in den Supermärkten anbot.  2011 begann dann das Gartenjahr im wesentlichen damit, dass bis Juli nicht ein Tropfen regen fiel. Um unsere ganzen frisch ausgesäten und gepflanzten und gesetzten Dinge nicht umsonst in die erde gebracht zu haben, musste also Bewässerung her. Hier auf dem Grundstück gibt es zwar zwei Zisternen, die das Regenwasser sammeln - nutzt nur nichts, wenn es nicht regnet. Als es dann regnete, fühlte man sich eher an die Sintflut erinnert als an einen schönen Landregen und der Garten versank im Wasser. Die paar Kartoffelkäfer, die wir noch absammelten, bereiteten nicht wirklich Probleme.  Das Hauptthema beim Leben auf dem Lande - oder vom Lande ist wirklich das Wetter.
Im bereits angesprochenen Gespräch ging es auch um solche Dinge wie Selbstversorgung mit eigenem Obst und Gemüse und so... Ich will mir jetzt nach 2 Jahren nicht anmaßen, wirklich genau Bescheid zu wissen, aber in meinen Augen kann so etwas nur eine Träumerei bleiben.
Warum? ES beginnt mit der dazu notwendigen Fläche und endet mit dem Wetter und dazwischen steht die anfallende Arbeit.
Hier im Dorf gibt es niemanden, der sich vollständig aus seinem eigenen Garten versorgt (soweit ich weiß). Unser Nachbar, der mit der Landwirtschaft großgeworden ist, hatte dazu bereits ein paar ausgewählte Worte zu sagen, die sich zusammenfassen lassen mit: Als Landwirt ist man immer vom Wetter abhängig.
das gleiche gilt auch, wie bereits erwähnt, für die Selbstversorgung. Vor allem im Hinblick auf den ökonomischen Arbeitseinsatz betrachtet. Hier versorge ich den Garten im wesentlichen alleine und das eben zum Teil auch als Arbeitszeit, zum Teil nach der Arbeit. 2011 noch zu zweit, 2012 dann alleine. Wässern - morgens mit einem Sprenger, der dann nur umgestellt werden muss. Damit aber das Wasser auch wirklich ankommt, muss der eine ganze Weile laufen - also - Wasserverbrauch. Im letzten Jahr war es nicht soviel, da hatte das Wetter ein einsehen und es regnete immer wieder mal. Im Vorjahr war es allerdings so trocken, dass wir am Ende nur das nötigste bewässern konnten. Unser Nachbar nannte mal einen Verbrauch von ca. 60 m³. Der m³ Wasser kostet so um die 3 €, glaube ich. Die Arbeitszeit unter zuhilfename eines Sprengers ist nicht so hoch, aber von selber stellt der sich auch nicht auf.
Dann muss ab und an auch mal eine Fläche von - unerwünschtem Nebenaufwuchs befreit werden und das dauert.
Dann der Punkt Ernte und Lagerung. Wir planen für 2013 die Anschaffung eines Dörrgerätes, um dann einiges an Obst zumindest zu trocknen. Das zieht weniger Probleme bei der lagerung nach sich als z.B. Einfrieren. Und was das Einmachen angeht - in der Reifezeit  - Juni, Juli - wird so ziemlich alles auf einmal reif und muss dann auch verarbeitet werden. Und vorher geerntet. 2011 schaffte ich von den 4 Süßkirschbäumen 1 1/2, danach begann die Regenphase und es war vorbei mit den Kirschen. Gut, da planen wir das Ansetzen von kirschwein, damit hat man dann hoffentlich auch weniger Arbeit, 2012 allerdings gab es nur sehr wenig Kirschen. Wir sind noch in dem Stadium herauszufinden, was sich wie am einfachsten (sprich mit wenig zeit-und Arbeitsaufwand) einlagern lässt. Aber die Tage der Ernte bedeuten dann auch, bis abends um halb 10 oder 10 in der Küche zu stehen und einzukochen. Vomn Stromverbrauch will ich grade mal nicht reden. 

Blumenkohl will übrigens so gar nicht wachsen, da hat sogar mein Nachbar das Ansetzen aufgegeben. Kohlrabi geht ganz gut. salat wächst auch unkompliziert, aber davon geht auch vieles an die Hühner - weil ich davon bisher regelmäßig zuviel angesät habe. Ach ja, Hühner. Wir haben selber keine - schließlich ist man mit solchen Tieren dann wirklich ortsgebunden, aber hier halten genug Leute hühner. Und - erstens werden immer ein oder zwei Hühner mehr gekauft als notwendig (für den Fuchs) und außerdem gibt es Phasen, in denen Hühner auch mal keine Eier legen. Aber wenn sie legen, dann legt so ziemlich jedes Huhn jeden Tag ein Ei. Eier gehören nun aber zu den Dingen, die sich mit haushaltsüblichen Mitteln nicht wirklich enlagern lassen und abgesehen davon gibt es ja jeden Tag neue. Von dem Plan, eigene Hühner zu halten, sind wir schnell abgekommen, jetzt tauschen wir Marmelade und Säfte gegen Eier, da unsere liebe Kollegin zwar Hühner hat, aber keine Möglichkeit, selber Marmeladen einzukochen. Und wir mehr Marmelade und Säfte herstellen, als wir sinnvollerweise verbrauchen können.
Fazit zum Thema Selbstversorgung: Wie gesagt, ich bin keine Expertin im Gartenbau und auch nicht in der Küche, aber mein Eindruck ist einfach der: die Selbstvesorgung ist - nicht nebenberuflich möglich. Also die auschließliche Versorgung aus dem eigenen Garten. Und nicht wirklich ökonomisch. Wenn ich einen 10 kg Sack Kartoffeln für unter 2€ kaufen kann, lohnt sich der eigenen Anbau nicht.
Wofür es sich lohnt, sit für die Dinge, die man nicht so ohne weiteres kaufen kann (also ausgefallene kartoffelsorten) oder die Dinge, die ohne großen Aufwand wachsen und schnell nebenbei gegessen werden können - als Beispiel Radieschen. Oder Erdbeeren. Oder so.
Weg vom Gartenbau hin zum sonstigen Bild vom Lande. Ich möchte tatsächlich mein Leben hier - derzeit jedenfalls - nicht gegen das Leben in der Stadt eintauschen. Das kann sich wieder ändern, aber derzeit bleib ich hier. Aber wer sich jetzt unser 110 EW Dorf als Idylle vorstellt, möge bitte bedenken, dass es hier keinerlei Einrichtungen gibt außer der Kirche. Es kommen an mehreren Tagen mobile Läden vorbei, Schlachter, Bäcker und ein Gemischtwarenladen, im Sommer auch ein Eiswagen. Aber abgesehen davon ist hier nichts. Auch keine Kanalisation. Und das Leben mit einer abflusslosen Sammelgrube kann manchmal - etwas einschränkend sein. Vor allem dann, wenn man das Haus voller Leute hat - und dank eines organisatorischen Wechsels auch eine ziemlich volle Grube.. Es gab hier wohl auch schon Stromausfälle im ganzen Dorf über mehrerer Tage - natürlich im Winter.
Aber es gibt auch einen festen Kern von aktiven leuten, die Feste und sonstiges organsieren und damit eine Gemeinschaft aufrechterhalten. Und es wird beobachtet, was so passiert bei anderen. Das kann man als 'unter Beobachtung stehend' ansehen. Oder aber als gegenseitiges Achthaben. Derzeit ziehe ich den letzteren Begriff vor. Damit kann man dann das Haus auch mal eine Weile recht unbesorgt verlassen, weil irgendwer schon ein Auge drauf haben wird.
Klingt doch nach Idylle? Weiß nicht, ich würde den Begriff nicht verwenden wollen - aber ich lebe gerne hier. 

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