Eine Reise an einem Ort

Diese Reise begann im April 2011 und dauert noch an - kleine Schritte und doch am selben Ort - und hier lege ich ein kleines Reisetagebuch vor, in dem immer wieder Neues steht zum Verlauf der Reise - an einem Ort.

Krümel

Krümel im Lavendel 2011


Das zehnte Leben
Krümel erwachte und alles war anders. Er lag auf einem Bett aus Gras, war bedeckt von einem Bett aus Gras und darüber, er schnupperte, Boden. Aber auch, wenn ihm das Atmen in den letzten Tagen so schwer gefallen war, atmete es sich jetzt ganz leicht und unbeschwert. Überhaupt fühlte sich alles ganz leicht an. Das Hinterbein, das ihn seit seinem ersten Lebensjahr immer wieder mal gezwickt hatte nach dem schweren Unfall, fühlte sich an wie das andere, als wäre nie etwas gewesen.
Er streckte sich und erhob sich trotz Boden und sah erstaunt auf seine Vorderpfoten hinunter. Da saß er doch auf seinem Körper? Das war ganz eindeutig sein Körper, wenn man Stunden am Tag damit zubringt, das weiße Fell weiß und das schwarze Fell glänzend zu halten, erkennt man sich doch wieder. Er wischte sich einmal mit der Pfote durch das Gesicht, holte tief und unbeschwert Luft und schien dann einfach aufzusteigen. Oben war Garten aber irgendwie anders als der, durch den er immer wieder spaziert war, in dem er Mäuse gejagt, sich auf das frisch ausgelegte, warme Gras gebettet hatte oder einfach nur seine Menschin von der Arbeit abgehalten hatte. Schließlich möchte man als Kater ja auch mal etwas Aufmerksamkeit haben, richtig?
Das Tor, über das er auch seit einigen Jahren  nicht mehr hatte springen können – das lädierte Hinterbein, stand einen Spalt offen und dahinter befand sich nicht der Weg, den er kannte sondern ein großer Raum, luftig aber voller Katzengerüche. Seine Schnurrbarthaare zuckten, als er die Nase rümpfte. Denn ziemlich eindeutig war da ein vage bekannter Geruch.
Ein paar Meter entfernt standen 2 Sessel, ähnlich wie der, auf denen er auch sehr gerne herumgelegen hatte, entweder direkt oder immer auch gerne dann, wenn seine Menschin dort saß, um zu lesen und die Füße hochzulegen. Und natürlich Streicheleinheiten zu verteilen.
Auf einem dieser Sessel saß ein grauer, etwas pummeliger Kater, der ihn erwartungsvoll, aber neutral ansah. Krümel legte kurz die Ohren an und fauchte und der andere bedachte ihn mit einem teils gelassenen, teils amüsierten Blick.  
'Werter Herr, kein Grund zur Aufregung. Ich versichere Ihnen, dass es hier keinen Anlass zum Streit zwischen uns gibt.' Der graue Kater setzte sich etwas aufrechter hin.
'Kommen Sie doch bitte etwas näher, danke.'
Krümel schnupperte noch einmal, aber eher der form halber und ja, die Gerüche waren zwar fremd aber nicht bedrohlich. Er schlenderte zum leeren Sessel, beschnupperte den ausgiebig – kein Geruch außer dem des Bezuges und, innerlich die Schultern zuckend, hüpfte er mit einem eleganten Satz, wie er ich zuletzt vor einigen Jahren noch hätte schaffen können, wenn auch in den letzten Jahren nicht mehr, hinauf, drehte sich einmal um sich selbst und ließ sich dann bequem nieder. Endlich wieder einrollen ohne Atemnot. Er holte noch einmal tief Luft, eher aus der Freude daran und sah dann den grauen, der ohne ein Zeichen von Ungeduld gewartet hatte, neugierig an.
'Wo bin ich und wer sind Sie? Sie kommen mir vage bekannt vor.'
Der graue Kater hob eine Pfote und leckte daran, etwas verlegen. 'Nun, ich hatte nie einen eigenen Menschen von daher wurde mir nie ein Name gegeben, hier hat man mich dann Mrrm getauft.' ER seufzte beinahe. 'Ganz ehrlich, ein anderer Name wäre mir lieber gewesen, aber so ist das nun einmal. Diejenigen, die von eigenen Menschen kommen, haben einen Namen, die anderen bekommen hier einen verpasst. Dient alles der Übersicht. Und das Sie sich an mich erinnern – nun. Sie lebten doch mit einem Herrn namens Casper zusammen, richtig?'
Krümels Schnurrbarthaare sträubten sich und ein Geräusch wie ein Räuspern entwich seiner Kehle.
'Hrrm, also, nun, wir haben uns am selben Ort aufgehalten, ja. Aber zusammenleben mit dem aufdringlichen kleinen  %$§!°/&!!! *. Nein.'
Mrrm nieste und schüttelte den Kopf. 'Ja, Herr Casper erzählte mir davon, dass er Ihnen wohl im jugendlichen Überschwang etwas auf die Nerven gegangen sein muss. Daher hat er sich dann ja auch daran gemacht, andere Gesellschaft zu finden. Er fühlte sich nämlich etwas einsam, wissen Sie? Jedenfalls traf er mich auf seinen ersten Spaziergängen und nun, hat mich auch ab und an zum Abendessen eingeladen. Sehr großzügig, der kleine Herr.'
Krümel knurrte. 'Er war großzügig in seiner Einladung, ja. Aber meine Menschin war auch sehr großzügig mit dem Futter. Sonst hätten Sie beide sicherlich eines Tages vor leeren Näpfen gestanden. Und soweit ich weiß, kamen Sie ja sogar ab und zu in unser Zimmer, um dort noch eine Zusatzportion zu sich zu nehmen. Und – pfaurrr – immer die Flucht zu ergreifen sobald Sie auch nur angesehen wurden.'
Krümel putzte sich einen Moment lang die flanken, um dem Dicken dort deutlich zu machen, was er von so einem Benehmen hielt. Mrrm Seufzte wieder.
'Ja, natürlich, Sie haben recht. Aber versuchen Sie doch einmal, meine Situation zu sehen. Wie gesagt, ich hatte keinen Menschen und überall, wo ich hinkam, hieß es immer nur: weg mit dir, man hat Dinge nach mir geworfen und mich verjagt woher sollte ich denn wissen, dass es in Ihrem Hause nicht genauso zuging? Aber um mich geht es jetzt nicht. Entschuldigen Sie, einen Moment bitte.'
Mrrm rutschte ein Stück zur Seite und hinter ihm konnte Krümel ein helles Leuchten sehen, so ähnlich wie das warme Ding auf dem Schreibtisch seiner Menschin. Allerdings hatte es da immer geheißen: 'Runter von meinem Laptop, Krümel!' gefolgt von in den Amr genommen und sanft auf den Boden oder Sessel gesetzt werden. Hier hatte anscheinend niemand Einwände dagegen.
Mrrm schob sich noch ein Stück zur Seite und bearbeitete mit seinen Pfoten das Ding.
'Und was Ihre zweite Frage betrifft, Sie befinden sich hier im Felineum. Der Ort, an dem ihr zehntes Leben beginnt.'
Krümel wischte sich noch einmal mit der Pfote durch das Gesicht.
'Mein zehntes leben???'
Mrrm schlug noch einmal mit der Pfote zu, brummte zufrieden und wandte Krümel wieder seine volle Aufmerksamkeit zu.  
'Ja. Ihr zehntes Leben. Sie haben doch sicherlich davon gehört, dass wir Katzen neun leben haben?'
Krümel überlegte kurz und brummte dann zustimmend. 'Ja, ich erinnere mich, dass meine Menschin mehrfach erwähnte, drei davon habe ich schon aufgebraucht und das recht früh.'
Mrrm nickte bestätigend und zuckte mir der Schwanzspitze auf den schwarzen Kasten. 'Ja, ist hier vermerkt und auch alle anderen. Und was ist das letzte, an das Sie sich erinnern, bevor Sie hierherkamen?'
'Gras und Boden und und – oh.' Mrrm wartete ganz entspannt, ganz eindeutig bereit, Krümel Zeit zu geben.
'Ich erinnere mich…'
Das Atmen war so schwer. Und es war so kalt. Aber die kuschelige, von Menschin-Geruch getränkte Jacke war zu schwer. Der Platz auf der Fensterbank aber auch wieder zu warm. Und nicht einmal das gemütliche Zusammenrollen, Nase unter den Pfoten verstecken ging mehr, er bekam einfach keine Luft in der Haltung. Also immer wieder aufrecht hinlegen, Kopf hochhalten und – das Atmen war so schwer. Dann eine andere Menschin, die ihn streichelte und prüfend abtastete und abhörte und mrrreow… etwas in seinen After einführte. Aber auch der Protest war beinahe mehr Mühe, als er wert gewesen wäre. Zwei Piekse, die weniger störten in dem Moment als ein Flohbiss, eine Tablette im hals und irgendwann kurz danach eigentlich ganz appetitlich duftender Fisch. Aber ach, das Essen, nein, das wäre auch zu mühsam gewesen. Der Tag verging, seine Menschin kam immer wieder, mit dem fisch, mit anderen eigentlichen Lieblings Häppchen aber nein, essen war zu mühsam. Und Appetit hatte er eigentlich auch nicht mehr. Tief Luft holen wäre schön gewesen. Abends kam die andere Menschin wieder, er wurde wieder sanft gestreichelt und abgetastet, ein kurzes Gespräch und seine Menschin klang so unglücklich. Er konnte die Trauer spüren aber ach… das Atmen war so schwer. Und das Schnurren beruhigte auch nicht mehr so wie früher.
Dann wurde er sanft aus seinem Lager genommen, dem Platz mit Decke m Regal, in dem er sich in den letzten 2 Wochen so richtig wohl gefühlt hatte. Seine Menschin nahm ihn auf den Schoss und ihre vertrauten Hände streichelten ihn, warme, schwere Tropfen fielen auf sein Fell, angenehme Wärme von allen Seiten. Zugegebenermaßen taten die beiden Piekser ins Hinterbein schon weh, er hatte auch protestiert, aber kurz danach war auch das vorbei und ihn überkam eine Müdigkeit, eine angenehme Müdigkeit, die sogar die Schwere des Atmens vergessen ließ. Von vertrauten Händen gestreichelt, überließ er sich der Müdigkeit und dann war irgendwann nichts mehr.
Bis zu dem Moment auf dem duftenden Grasbett.
Krümel beendete seine Erzählung und putze sich noch einmal die Seiten, auf der Suche nach dem vertrauten Geruch. Ein paar Spuren davon waren auch noch da, die er zur Erinnerung aufwischte.
Mrrm hatte ihm die ganze Zeit aufmerksam zugehört und putze sich nun kurz und heftig das Gesicht.
'Verzeihen Sie,  ich höre ja sehr viele solcher Geschichten, aber ab und an berührt es mich eben doch. Sehen sie, ihr Mensch hat entschieden, Ihnen den Einstieg in das zehnte Leben zu erleichtern und das, wie es scheint, auf eine sehr rücksichtsvolle Art und Weise. Beneidenswert.'
Krümel sah ihn immer noch etwas verständnislos an.
'Werter Herr Krümel, Sie sind tot. Verzeihen Sie, wenn ich das so unverblümt sage, aber Sie haben Ihre 9 irdischen Leben aufgebraucht und nun beginnt das zehnte. Menschen nennen es Himmel, wie nennen es Felineum, aber gleich, wie man es nennt: wenn Sie durch die Tür dort hinten treten, nehmen Sie nur die Erinnerungen mit, die sie mitnehmen wollen. Und das zehnte Leben, nun ich habe es flüstern hören, auch das sei nur eine Station auf der Reise. Wer weiß? Auf alle Fälle gehören nun solche Dinge wie Schmerzen oder Hunger oder Lieblosigkeit der Vergangenheit an. Also, lassen Sie alles Beschwerliche fallen und – genießen Sie den schönen Tag!'
Krümel sah ihn eine Weile an, tief durchatmend, das Atmen genießen.
'Bevor ich gehe, werter Herr Mrrm, wie Sind Sie denn hierher gekommen?'
Der graue Kater zuckte mit den Schnurrbarthaaren. 'Meine Geschichte gehört zu den traurigen Enden von 9 Leben und ich möchte Sie nicht mit Dingen belasten, die Sie doch gleich wieder vergessen sollten. Ich habe die Erinnerung behalten, damit ich allen, die mir hier begegnen, mit Empathie zuhören kann. Aber es ist Geschichte und ich werde es hier nicht wieder erfahren. Leben Sie wohl  Herr Krümel, ich muss mich nun leider um den nächsten kümmern.'
Krümel sprang elegant von seinem Sessel und stellte sich mit den Vorderpfoten auf den anderen und streckte Mrrm seine Nase entgegen. Die beiden beschnupperten sich kurz und freundlich und mit einem entschlossenen Schwanzschlag ließ sich Krümel wieder auf seine 4 Pfoten fallen und spazierte langsam dem hinteren Ausgang entgegen, durch den Sommersonnenlicht in den großen raum hineinschien und durch den der Duft von frisch gemähtem Gras zog.
Jedes zehnte Leben beginnt an dem Ort, an dem man sich am wohlsten fühlt. Und vielleicht mein lieber Krümel, RosaNasebär, treffen wir uns dort eines Tages wieder.

Gestern Abend musste ich schweren Herzens die Entscheidung treffen, meinem Krümel den Übergang in ein hoffentlich zehntes Leben zu ermöglichen. Nach 16 1/2 Jahren trennten sich nun leider unsere Wege. Du fehlst mir :(

1 Kommentar:

  1. Servus liebe Taube,

    habe deine Geschichte "Das zehnte Leben" sehr interessiert gelesen. In ihr gelingt es dir sehr gut, den Lesern zu vermitteln, was deinem Krümel begegnen kann oder wird. Dabei schaffst du es auf angenehme Art und Weise seine Sicht sowie deine Sicht auf ihn, ebenso wie einige Teile eures Alltags darzustellen, so wie sie sich für euch in eurem Zusammenleben ergaben.
    Auch thematisierst du sehr schön seine Zeit mit den anderen Bewohnern deiner Umgebung, die ihm ferner - wie Mrrn - oder näher - wie Casper - waren. Dies setzt sich bis zu seinem Übergang zu diesem schönen Ort fort, an dem sich die Wege zwischen Krümel und Mrrn erneut kreuzen, um sich dann wieder zu verlieren.
    Das Tollste aber ist die Aussicht, die du uns auf sein nächstes und titelgebendes Leben gewährst. Schön zu wissen, wo man seine Lieblinge wiederfinden wird, wenn man ihnen irgendwann folgt.

    Ich habe dir, Mrrn und Krümel sehr gerne dabei zugehört, was ihr zu berichten hattet und freue mich für euch, dass es gleichsam mit ein wenig Melancholie und ganz viel Freude geschah …

    Viele liebe Grüße

    Bernar

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